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Über mich,
Stefanie Theile

Mit Pixibüchern fing es an: Ich lese seit ich lesen kann. Während meines Germanistikstudiums habe ich auch Literatur von Lessing bis Lenz verschlungen. Wie lange ich Buchempfehlungen gebe, erinnere ich nicht mehr. Jedenfalls ungezählte Jahre als Autorin für Zeitschriften. Und nun hier. Weil ich möchte, dass auch andere Leser die Bücher entdecken, die mich begeistern.

RANDNOTIZEN

Aus "Betrunkene Bäume"
"Erich nahm Irina einen kleinen Blumentopf aus der Hand, aus dem lediglich ein schmaler grüner Stängel mit einem einzigen Blättchen stach. Er stellte ihn zurück zu den anderen Töpfen auf die Fensterbank."


Aus "Saint Mazie"
"Na schön, ich hatte ein Schlückchen aus dem Flachmann genommen, stimmt schon. Ein Schlückchen und eine Zigarette, das kann mir keiner verübeln. Ich hatte meine ganzen True Romance-Heftchen ausgelesen, und die nächste Vorstellung fing erst in zwanzig Minuten an."


Aus „Der schönste Grund, Briefe zu schreiben“:
„Ein offenes Buch ist ein sprechender Geist; geschlossen ist es ein wartender Freund.“ Hinduistisches Sprichwort


Aus „Die Sommer der Porters“:
„Er schlägt das Tagebuch mit dem marmorierten Einband auf. Im Ofen knistert und knackt das Feuer.“


Was gerade auf meinem Nachttisch liegt
„Mal! Schreib! Kritzel! Für das Einschlafritual – und ein Becher mit bunten Stiften.
„Dein Bett liebt dich!“ zum Drin-rum-blättern in schlaflosen Nächten


Der Flur ist
„Die Schleuse zu Glück und Unglück, und immer stehen zu viele Schuhe dabei herum und schauen zu.“
Aus: Wohn dich glücklich!


Zitat aus "Hellwach"
"Die Blätter in den Baumkronen, die ab und zu vom orangefarbenen Straßenlicht beleuchtet werden, bilden einen Tunnel voller Sterne über mir."


Aus "Wir & ich"
 „Mieke geht unter die Dusche. Ein Bad nimmt sie nie, das machen nur faule Leute, die zu viel Zeit haben.“


Noch'n Buch
über Bücher, allerdings schon älter: „Eine Geschichte des Lesens“ von Alberto Manguel. Ein Klassiker, den man unbedingt haben muss, sofern einen Literatur interessiert. Fiel mir bei dem Buch von Andrea Gerk wieder ein, weil das auch so etwas Grundsätzliches ist


Zitat
"Literatur rettet Leben", sagte Alice. "Du liest viel?" "Jede freie Minute", sagt sie. "Das ist mein Rettungsboot."
Aus Isabella Straub: Das Fest des Windrads


Kalenderspruch
Unter dem Stichwort Lesefreuden steht in meinem Kalender: "Nur eines ist vergnüglicher, als abends im Bett, vor dem Einschlafen, noch ein Buch zu lesen – und das ist morgens, statt aufzustehen, noch ein Stündchen weiterzulesen!"
Oh, ja!


Sich durchkämpfen
Als ich „Im Hause Longbourne“ von Jo Baker las, fiel mir Olwen Hufton ein: „Frauenleben“. Die Geschichte von Frauen zwischen 1500 und 1800. Wie Hausmädchen lebten, wie Ehen geschlossen wurden, welche Rechte Frauen vorenthalten wurden, wie sie von ihren Vätern, Männern, Arbeitgebern abhängig waren.


 

Neues Meine fünf aktuellen Empfehlungen, die ich eben gelesen und gehört habe. Regelmäßig kommen neue hinzu. Bücher, denen ich ganz viele Leser und Hörer wünsche.
20. Juni 2017

Naja Marie Aidt

Schere, Stein, Papier

Thomas und Jenny sind Geschwister. Als ihr Vater stirbt, sind die beiden nicht besonders erschüttert: Er war kriminell, saß zuletzt im Knast und war früher, als die beiden noch klein waren, ein grober Vater, meist besoffen und als Alleinerziehender überfordert.
Und dennoch sind sie mit dem Toten mehr verbunden als sie es wahr haben wollen. Vor allem Thomas hadert mit ihm. Als er in einem alten Toaster des Verstorbenen auch noch eine große Summe Geld – vermutlich aus seinem letzten Coup – findet, wirft ihn das aus der Bahn. Sein gut gehendes Geschäft mit edlen Papierwaren vernachlässigt er. Mit seiner Frau, die er eigentlich liebt, ist er immer öfter über Kreuz.
Dann taucht ein junger Mann auf der Beerdigung auf, der in höchsten Tönen von Thomas Vater schwärmt, seine Bildung und Fürsorge hervorhebt. Für Thomas unvorstellbar. Auf einem Familienwochenende bei einer Tante kommt es zum Eklat. Thomas verliert die Kontrolle.
Schon lange nicht mehr hat mich ein Buch so gefesselt. Die Dänin Naja Marie Aidt, die in New York lebt, zeigt die Ambivalenz von Gefühlen. Wie bei dem Spiel Schere, Stein, Papier unterliegen auch Entscheidungen dem Zufallsprinzip. Mal ist alles gut, mal gerät alles aus dem Lot. Die Geschwister gehen liebevoll miteinander um. Dann wieder nerven sie sich. Vor allem Thomas ist hin und her geworfen zwischen dem Wunsch nach Harmonie und einer starken Brutalität sich und anderen gegenüber. Liebe, Hass, Verzweiflung, Trauer, Freundschaft, Verbundenheit und Unverständnis sind die Eckpunkte, zwischen denen sich der Roman bewegt. Naja Marie Aidt lotet die emotionalen Abgründe aus. Atemberaubend geschrieben. Bis zuletzt bangte ich um das Glück von Thomas.

Unbedingt lesen!!!

Schere Stein Papier von Naja Marie Aid Naja Marie Aidt
„Schere, Stein, Papier“
Luchterhand, 444 Seiten, 22 Euro
ISBN 978-3-6308-7426-5

www.luchterhand-verlag.de

11. Juni 2017

Arthur Brügger

Das Lächeln des Schwertfischs

Das Leben als Fischverkäufer in einem Kaufhaus stelle ich mir ja nun nicht gerade erstrebenswert vor. Doch für Charlie ist es eine wunderbare Welt. Voller Ordnung und gut strukturiert: „Es ist Schwertfisch-Woche. Wir haben zwei prächtige Schwertfische hereinbekommen, und die Kunden können gar nicht anders, als stehen zu bleiben und zu staunen.“
Zu dieser Ordnung gehört auch, dass der Abfall ins Kellergeschoss transportiert wird. Dort wacht Èmile über alles, was das Haus verlässt. Essbares mit abgelaufenem Haltbarkeitsdatum sowie Brot und Kuchen des vergangenen Tages zum Beispiel. Was für eine Verschwendung, findet Èmile und dokumentiert das für eine spätere Veröffentlichung. Aber das bekommt Charlie erst später heraus.
Vorerst freunden sich Charlie und Èmile an, sitzen unerlaubterweise nächtelang im Keller, diskutieren über weggeworfene Bücher, die Èmile ebenfalls sammelt.
Man kann Charlie für etwas naiv halten oder für simpel gestrickt. Oder auch für einen Menschen, der ganz bei sich ist. Ohne Selbstzweifel, ohne Kritik an der gegebenen Ordnung. Er geht unbeirrt seinen Weg, himmelt eine Kollegin an, beobachtet unvoreingenommen seine Mitmenschen und zieht daraus seine Schlüsse. Ein ganz herrlich unverblümter Roman. Der Schweizer Arthur Brügger schuf mit Charlie eine Person, die ich ins Herz geschlossen habe. Beim nächsten Einkauf werde ich aufmerksam den Verkäufer betrachten: Man weiß ja nie, ob sich nicht ein Philosoph dahinter verbirgt.

Unbedingt lesen, wenn man einen liebenswerten Typen beim Erwachsenwerden begleiten möchte.

Arthur Brügger Das Lächeln des Schwertfischs Arthur Brügger
„Das Lächeln des Schwertfischs“
Pendo, 174 Seiten, 14 Euro
ISBN 978-3-8661-2414-1

www.pendo.de

3. Juni 2017

Fioly Bocca

Das Glück der fast perfekten Tage

Anitas Mutter ist an Krebs erkrankt und wird bald sterben. Um sie zu trösten, schreibt ihr Anita Mails über ihr schönes, erfülltes, glückliches Leben. Und dabei ist es alles andere als das. Ihre jahrelange Beziehung ist ohne Perspektive und lieblos, ihr Job nervt.
Im Zug begegnet Anita einem jungen Mann. Arun erkennt auf den ersten Blick, dass Anita unglücklich ist. Aber er sieht auch zwei kleine Flügel an ihren Schultern… Arun ermutigt Anita, sich auf den Weg zu sich selbst aufzumachen. Zu eigenen Entscheidungen zu kommen und zur Unabhängigkeit, immer anderen gefallen zu wollen oder ihnen zuliebe etwas zu tun.
das beschreibt die Autorin liebevoll, geduldig und mit Herzenswärme. Der kleine Roman nimmt gegen Ende märchenhafte Züge an. Aber gerade das macht ihn aus meiner Sicht zu etwas Besonderem. Beinahe perfekt, möchte ich sagen.

Unbedingt lesen: Tut allen gut, die gerade etwas Trost brauchen und sich nach ein bisschen Glück sehnen

Fioly Bocca Das Glück der fast perfekten Tage Fioly Bocca
„Das Glück der fast perfekten Tage“
Wunderlich, 187 Seiten, 16,95 Euro
ISBN 978-3-8052-5101-3

www.rowohlt.de

29. Mai 2017

Caroline Lahusen, Sylvia Doria

Lust auf Laube

Schon wieder Regen! Da muss ich mich in schöne Gärten flüchten. In ganz reale, in solche, die von normalen Menschen und nicht von gelernten Gärtnern angelegt wurden. Schrebergärten!
Das Spießige, Verkrampfte haben sie inzwischen abgelegt. Seitdem in den großen Städten immer mehr junge Familien ein Stückchen Grün beackern möchten, ist die piefige Schreberei mit vorgegebener Heckenhöhe, und dem Dritteln des Grundstücks in Gemüse, Blumen und Erholung Vergangenheit.
Hier stellen 20 Menschen ihre Gärten vor. Anfänger und Fortgeschrittene, Rosenliebhaber und Selbstversorger, Trampolinnutzer und Schöngeister, Yogis und Anthroposophen aus Köln, Hamburg, Berlin und anderen großen Städten. Eine bunte Mischung mit vielen Ideen.
Sie erzählen in locker geschriebenen Texten von Fehlversuchen und Gelungenem. Jeder steuert einen Tipp bei. Und alle sind der Meinung: Ohne ihren Garten in der Stadt möchten sie nicht mehr leben.
Er bietet Platz zum Entspannen, regt zu Kreativität an und lässt Raum, um sich auszupowern. Und er ermöglicht, Träume auszuleben.
Dieses Bilder-Lesebuch war lange fällig. Es vereint ganz selbstverständlich die Lust am Garten mit den Mühen im Garten.

Caroline Lahusen, Sylvia Doria Lust auf Laube Bloß nicht viel machen.
Lieber genießen
Lust auf Laube von Caroline Lahusen Caroline Lahusen, Sylvia Doria
„Lust auf Laube“
DVA, 192 Seiten, 29,95 Euro
ISBN 978-3-4210-4057-2

www.dva.de

16. Mai 2017

Ada Dorian

Betrunkene Bäume

Der alte Mann heißt Erich und von außen betrachtet verwahrlost er etwas. So sieht es jedenfalls seine Tochter Irina, die eine Pflegekraft und einen Rollator organisiert und das Beste für ihren Vater will. Doch der hat anderes im Sinn: die Wissenschaft, der er sein Leben verschrieben hat. Es geht um Permafrost und Bäume und eine Expedition in die Taiga, an der er als junger Mann teilnahm – mehr sei hier nicht verraten.
Dann ist da noch eine junge Frau namens Katharina, entwurzelt, ohne Bindung zur Mutter und auf der Suche nach ihrem Vater. Sie zieht in die Wohnung gegenüber der von Erich und es kommt, wie es kommen muss: Sie hilft ihm, er hilft ihr. Eine vage Freundschaft entwickelt sich.
Es sind einsame Menschen, die Ada Dorian aufeinander treffen lässt. Jeder gefangen in seinen Gefühlen. Starken Gefühlen. Erich trauert seiner großen Liebe hinterher. Katharina leidet darunter, dass ihr Vater sie und die Mutter verlassen hat.
Aber irgendwie wurschtelt sich jeder durch sein Leben. Hoffnung ist immer. Das weiß man ja.
Ich habe den Roman verschlungen. Auch deshalb, weil das Schlafzimmer ein verrücktes Geheimnis hütet. Und weil es in der Taiga offenbar merkwürdige Bäume gibt. Betrunken halt.

Unbedingt lesen, wenn Sie wissen wollen, was einen im Leben wirklich verwurzelt.

Ada Dorian Betrunkene Bäume Ada Dorian
„Betrunkene Bäume“
Ullstein, 268 Seiten, 18 Euro
ISBN 978-3-9610-1001-1

www.ullsteinfuenf.de